Tag 11

20. Juni 2017 Kemnath

Nie habe ich so für den Augenblick gelebt wie auf dieser Reise. Täglich ein neuer Ort, täglich ein neues Hotel, ein anderes Bett. Koffer auspacken bei der Ankunft, alle Siebensachen wieder zusammensuchen bei der Abfahrt. Manchmal haben wir Glück, und das Auto steht nahe beim Hotel, aber oft steht es im ein paar Minuten entfernten Parkhaus, und man kann nicht mal eben die vergessenen Schuhe oder Bücher holen. Inzwischen haben wir nämlich nicht nur Koffer, sondern jede Menge Plastiktüten. Begonnen hat die Plastiktüten-Wirtschaft mit unseren Kopfkissen, wir haben nämlich unsere eigenen (orthopädischen) Kopfkissen dabei, was sich übrigens angesichts der sehr divergierenden Auffassung der Hotelleitungen davon, was ein Kopfkissen ist, sehr bewährt hat. Ich habe die Kissen in Lübeck in Gelbe Säcke gesteckt, aber das Material ist zu leicht, um das dauernde Hin und Her zu überstehen, die Löcher werden immer größer. Wir brauchen Ersatz, aber in Bayern sind Gelbe Säcke unbekannt. Wir brauchen also neue Plastiktüten, aber in der Altstadt von Weiden, in der unser Hotel liegt, finden sich nur Restaurants, Cafés und Schickimicki-Läden. Auch wieder nix mit „mal eben“. Das sind so unsere täglichen Organisationsprobleme.

Aber Weiden ist eine sehr interessante Stadt. Nicht nur  von der geschlossenen Altstadt mit Renaissance-Giebelhäusern, alle farbig getüncht, bin ich entzückt (daran gewöhnt man sich schnell in der Oberpfalz), sondern ganz besonders auch auch von den schönen Jugendstilfassaden gleich vor den Toren Weidens.

Unknown

 

Ein großer Name der Porzellanherstellung (man erinnere sich bitte an den Monte Kaolino) kommt aus Weiden: Seltmann. Und dann ist Max Reger hier geboren und aufgewachsen, wovon es viele Zeugnisse in der Stadt gibt. Gestern Abend „summte“ Weiden buchstäblich! Wie im tiefsten Süden war in den Straßenlokalen der Altstadt kein Platz mehr frei. Erst allmählich wurde uns klar, dass, gefühlt, die Hälfte der Menschen Amerikanisch sprach. Zur Erklärung dieses Phänomens schiebe ich einen Bericht aus dem O(berpfalz)Netzt ein:

„Weiden ist sehr beliebt bei unseren Leuten“, weiß Susanne Bartsch, Pressesprecherin der US-Army in Grafenwöhr. Derzeit leben im Stadtgebiet rund 100 Familien der US-Army (mit durchschnittlich je vier Familienmitgliedern). Unter anderem in Doppel- und Reihenhäusern in den Krummen Äckern und in der Mooslohstraße (die preisgekrönten „sixpack“-Häuser).  
Arbeiten in „Little-America“ in Grafenwöhr, Leben mitten in „Bavaria“ in Weiden: Das entspricht dem Zeitgeist der Army-Angehörigen. „Es geht der Trend dahin, dass Amerikaner eine weltbürgerische Haltung einnehmen“, sagt Susanne Bartsch. Zunehmend werden auch die Kinder in deutsche Schulen und Kindergärten geschickt und dazu nicht extra ins Lager gefahren: „Viele nutzen die Gelegenheit, die Kindern eine Fremdsprache lernen zu lassen.“ 

Heute ist mit 32° der heißeste Tag. In den letzten Tagen sind die Getreidefelder gelb geworden und setzen neue Akzente in die Landschaft. Unser Ziel ist heute Kemnath. Ich fahre wie immer kleine namenlose Straßen. Immer wieder führt die Straße auf eine Anhöhe und gestattet einen grandiosen Rundblick. Man kann es deutlich erkennen: Die Welt ist eine runde Scheibe.

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Nachdem ich Heide aufgelesen habe, machen wir in völliger Einsamkeit (weit und breit kein Auto, kein Mensch, kein Rindvieh, kein Sendemast) ein Picknick am Waldrand. Zum ersten Mal probiere ich ein Camping-Koch-System aus, das Kochen ohne Flamme verspricht. In einer hitze-isolierten Box kommt in eine Innenschale das Kochgut, in die Außenschale ein Heatingpack, auf das Wasser gegossen wird. Bis zu 45 Min. soll sich dann eine Temperatur von annähernd 100° halten. Die Box dampfte vor sich hin, während Heide auf den Hochsitz kletterte und Faxen machte. Ihre nassen Lauf-Klamotten trockneten derweil auf der Leiter. Danach gab es Kohlrabi mit Biss und Zucker-Tomaten an Schweizer Käse in Olivenöl geschwenkt.

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Ein Gedanke zu “Tag 11

  1. Die Beschreibungen sind so ausführlich und eindrücklich, dass ich den Eindruck habe, dabei zu sein. Vielen Dank und noch viel Spaß und Freude auf der restlichen Tour

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