TAG 31

10. Juli 2017 Lüchow 

Also Salzwedel ist wirklich einen Besuch wert. Wohin das Auge auch schweift – schöne Stadtansichten, Reihen von sehenswerten Häuserfassaden, romantische Gänge und Wasserläufe zwischen den Häusern, deren Namen wir aus der Karte nicht erschließen können. Auch die Anwohner, die wir fragten, waren sich nicht einig. Jeetze, Dumme oder nur ein Bach. Verwirrung stiftet auch die Jeetze und ihre Namensvetterin die Jeetzel. Die Jeetze fließt bei Wustrow in die Jeetzel. In Hitzacker werden wir eine Ferienwohnung haben, die direkt an der Jeetzel liegt.

Zwei bemerkenswerte Dinge noch über diese hübsche Stadt, erstens: Der Baumkuchen wurde hier erfunden und bis heute reklamieren zwei rivalisierende Bäckereien das Originalrezept für sich und zweitens: Abends um 9 liegen 95 % aller Salzwedeler in ihren Betten – keine Übertreibung, ist so.

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Heute ist ein Regentag. Norddeutsches Schmuddelwetter. Die leuchtenden Sommertage an der Altmühl und in der Oberpfalz scheinen viel länger als vier Wochen zurück zu liegen. Wir machen nach dem Frühstück noch einen letzten Spaziergang durch Salzwedel und kaufen Baumkuchen, der uns unseren Aufenthalt in Hitzacker versüßen soll. Dann läuft Heide trotz Nieselregen los, und ich steige ins Auto. Bei Lübbow passiere ich die ehemalige Grenze. Nur ein einsamer Wachturm in der Wiese und ein braunes Text-Schild am Straßenrand erinnern daran, dass hier vor 28 Jahren die Grenze zwischen Deutschland und Deutschland verlief. Ich mache in Wustrow Halt, um im Museum zeitgeschichtliche Dokumente zu sehen – aber wieder einmal ist Montag. Ich stehe vor verschlossenen Türen. Dafür erzählt mir die Mitarbeiterin der Volksbank (gleich nebenan) von Wustrow und was für ein lebendiger Ort das vor der Wende gewesen ist. Wer irgendwie kann, ist weggezogen.

In Lüchow – auch nur ein Städtchen mit knapp 10 000 Einwohnern – tobt das Leben. Viel Verkehr, viele schicke Shops in der hübschen Hauptstraße (keine Asia-Läden mit billigen Textilien mehr), viele gut angezogene Menschen. Heide sagt: „Es fühlt sich an, als käme ich aus dem Ausland nach Hause.“ In der Tat, so ähnlich ist das, und nur 17,7 km zwischen Salzwedel und Lüchow (über die B 248). Der Empfangschef im Hotel bestätigt mir diesen Eindruck. Aufgewachsen in Mecklenburg arbeitet er jetzt in Lüchow, wohnt aber im „Osten“. „Das sind zwei Welten“, sagt er. Ich ermuntere ihn, mir zu erklären, worin die Unterschiede bestehen. Er nennt vor allem zwei. 1. „Die Wessis“ (er sagt das mit Anführungsstrichen) seien lockererer, hätten mehr Spaß am Leben und mehr Vertrauen zu ihren Mitmenschen. 2. Das Geld. Der Osten sei noch immer ärmer. Eine Wohnung mit derselben Quadratmeteranzahl koste im Osten 200-300 € weniger. Das Geld spielt bestimmt eine große Rolle, das will ich ihm gerne glauben. Wir haben zwei große ehemalige DDR-Städte gesehen – Jena und Magdeburg – , über die man viel Positives sagen kann, aber der zarte Duft von Luxus, der mich heute in dem verregneten Lüchow anwehte, den habe ich dort nicht wahrgenommen.

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Lüchow ist die Kreisstadt des Landkreises Lüchow-Dannenberg. Sie hat viele hübsche Fachwerkhäuser, die Jeetzel fließt mitten durch die Stadt, und wenn man von der Hauptstraße in die Seitenstraßen schaut, tauchen dort die dekorativen Überreste des 1811 abgebrannten Lüchower Schlosses auf.

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Und dann ist Lüchow gewissermaßen die Hauptstadt des Wendlandes, insofern die unmittelbare Umgebung Lüchows zum Kernland zählt. Aber das Siedlungsgebiet der namensgebenden Wenden erstreckte sich einst auch weit über den heutigen Landkreis Lüchow-Dannenberg hinaus. Die Wenden waren, obwohl der Name sehr deutsch klingt, Slaven. Das merkt man noch an den Ortsnamen slawischen Ursprungs, die auf ow und itz enden, und an den slawischen Siedlungsformen, den Rundlingen. Für diese rund angelegten Dörfer ist das Wendland ja berühmt geworden.

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Ich glaube, ich habe vom Wendland zum ersten Mal in den 1970er Jahren gehört, als ich die Proteste gegen das Atommülllager Gorleben mit großer Anteilnahme verfolgte. Heute denke ich, wenn vom Wendland die Rede ist, zuerst an die „Kulturelle Landpartie (das größte Kulturfestival Norddeutschlands) die jedes Jahr zwischen Himmelfahrt und Pfingsten im Wendland stattfindet.

Noch ein Wort zu unserem Abschiedsbild heute Morgen in Salzwedel. Wir posieren da mit Friedrich Gartz, der in der Katharinenkirche dahinter gewirkt hat. Er lebte von 1819 bis 1896 und war Komponist und Kantor. In verschiedenen Liederbüchern finden sich Lieder von ihm.

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